Wann, wo, an wen gerichtet dieser handschriftliche Brief Edvard Munchs Schreibtisch verließ – wir wissen es nicht. Vermutlich schrieb der Maler ihn zwischen 1902 und 1907. Dafür gibt es einen Anhaltspunkt: In den letzten Zeilen dieser ‚biographischen Notizen‘ spricht der Maler von Dr. Max Linde, den er 1902 kennenlernte und in den Jahren bis 1907 immer wieder – oft über Wochen – in Lübeck besuchte. 1907: Hier enden die Daten, und es folgt Munchs Erwartung: „Ich hoffe, diese Notiz(en) genügt – Bitte es in gutes Deutsch zu übertragen Hochachtungsvoll Edvard Munch.“ Die Bitte, seine Zeilen „in gutes Deutsch zu übertragen“, deutet darauf hin, dass der Maler hier der Text-Anfrage eines Verlages, einer Zeitschrift oder eines Museums nachkam.
Munchs Leben nach 1907 – darunter sein Klinikaufenthalt 1908 in Kopenhagen bei Prof. Dr. Daniel Jacobson; 1912 Teilnahme an der ‚Sonderbund-Ausstellung‘ in Köln mit 12 Gemälden; 1913 Reisen nach Berlin, Paris, London, Stockholm, Lübeck und noch einmal Berlin; 1914 Genehmigung der Gemälde für die Aula der Universität Kristiania (Oslo); 1916 Kauf des Gutes Ekely; 1921/22 Zwölf Bilder für den Speisesaal der Schokoladenfabrik Freia in Kristiania; 1923 Ernennung zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste (Oslo); 1927 Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin; 1931 Tod von Munchs Tante Karen Bjølstad; 1937 werden 82 Werke als ‚entartet“ beschlagnahmt; Munch unterstützt Ernst Wilhelm Nay und ermöglicht ihm einen Aufenthalt in Norwegen auf den Lofoten – findet keine Erwähnung. Das legt nahe, dieses Dokument als zwischenzeitliches Resümee einzuordnen, das nur relevante Daten zwischen 1863 und 1907 erfasst.
Was ist für Edvard Munch in dieser Zeit erwähnenswert?
- Da sind zunächst sein Geburtsjahr und sein Geburtsort: Der Maler wurde am 12. Dezember 1863 auf dem Gutshof Engelhaugen bei Løten in der Hedmark, 125 Kilometer nördlich von Kristiania (ab 1925 Oslo) als 2. Kind des Landarztes Dr. Christian Munch (1817 – 1889) und seiner Ehefrau Laura Cathrine, geb. Bjølstad (1838 – 1868) geboren. Sein Großvater väterlicherseits bekleidete das hohe Amt des Hofpredigers in Kristiania. Der Bruder seines Vaters, Munchs Onkel Peter Andreas Munch (1810 – 1863), Professor an der Universität Kristiania, gilt als d e r prägende norwegische Historiker des 19. Jahrhunderts: „ … arbeitete Tag und Nacht, ohne zu ermüden, deshalb wurde er einer der größten Männer der Welt.“ [1] In seiner achtbändigen „Geschichte des norwegischen Volkes“ ging er den Herkünften des Landes nach und schuf so die Grundlagen für ein tiefes Nationalbewusstsein. Seine Arbeit führte ihn nach Rom, wo er 25. Mai 1863 starb und nahe der Cestiuspyramide begraben wurde. Edvard Munch besuchte sein Grab im April 1927: „Ich habe eine Skizze gemalt von P. A. Munchs Grab. Es liegt gleich unter der alten römischen Mauer.“ [2] Edvard Munch erwähnt dann seinen Studienbeginn und die erste Ausstellung nur kurz. In seinem Tagebuch des Jahres 1880 wird er konkreter: „Sonnabend, 22. Am Vormittag war ich in der Stadt und kaufte Farben und Pinsel, um nun mit der Ölmalerei zu beginnen.“ Schon am 25. Mai trägt er ein: „Ich bin stark beschäftigt, die „Alte Akers Kirche“ als Ölbild zu malen.“ [3]
- 1889: Ein Stipendium des norwegischen Staates ermöglichte ihm im Herbst einen längeren Aufenthalt in Paris, wo er im Privat-Atelier des anerkannten Malers Léon Bonnat (1833-1922) Aktzeichenkurse besuchte. Seiner Tante schrieb er am 9. Oktober 1889: „Morgen beginnt der Unterricht im Atelier von Bonnat.“ [4] Doch schon am 2. Januar 1890 teilte er ihr mit: „Ich höre bald auf bei Bonnat […] Bonnat gefallen meine Zeichnungen ungemein.“ [5] Was war geschehen? Jens Thiis (12. Mai – 27. Juni 1942), lebenslanger Freund des Malers und späterer Direktor der Nationalgalerie in Kristiania/Oslo, kennt die Zusammenhänge: „Als er [Munch] nach einigen Monaten des Zeichnens zum Malen überging, waren Meister und Lehrling sich über den Gebrauch der Palette so wenig einig, daß Munch es vorzog, seiner Wege zu gehen und auf eigene Faust zu arbeiten.“ [6] Wenig später entstand die „Nacht in Nizza“ […], „der erste „Munch“, den die norwegische Nationalgalerie erwarb.“ [7] 1909 – das sei angefügt – kaufte die Nationalgalerie weitere fünf Hauptwerke Munchs, und 1910 gelang es Jens Thiis, „Geschrei“, 1893, (Woll 333r) mit einer bis heute nahezu unbekannten Fassung auf der Rückseite (Woll 333v) ins Haus zu holen. [8] In diese Kämpfe, Niederlagen und erfüllten Stunden hinein fiel der Tod seines Vaters (28. November 1889). Erst am 4. Dezember erreichte Munch die bittere Nachricht. In sein Notizbuch schrieb er: „Und ich lebte mit den Toten – mit der Mutter, der Schwester, dem Großvater, dem Vater – vor allem mit ihm.“ [9] Tief getroffen, konnte an der Beerdigung nicht teilnehmen. Seine Tante Karen Bjølstad schrieb ihm: „Gott stärke Dich und gebe Dir Trost in dieser Zeit; – niemand anders kann das. – Papa, das weißt Du, erlitt eine plötzliche Krankheit und, du weißt es, er war alt […]. Nun ist er nach Hause gewandert […] Papa erlitt einen plötzlichen Gehirnschlag, wurde gelähmt und verlor das Bewusstsein […] Aber da gab es doch Augenblicke, in denen er uns erkannte, er lächelte uns an und drückte unsere Hände. […] O, wie oft denken wir an Dich, der Du weit weg bist. Sei vorsichtig mit Dir.“ [10] Munch bittet am 4. Dezember: „Schreib mir so viel Du kannst über Papa, wie es ihm erging, bevor und nachdem er erkrankte“. [11]
- 1892: Als nächsten Punkt seiner ‚Noticen‘ führt Edvard Munch jene Ausstellung an, die am 5. November 1892 im „Verein Berliner Künstler“ eröffnet wurde – und die einen der heftigsten Skandale heraufbeschwor, den die Kunstgeschichte kennt. „Munchs erster wichtiger Auftritt auf der internationalen Bühne“, wie Arne Eggum schrieb. [12] Die Vorgeschichte: Der norwegische Maler Adelsteen Normann, Mitglied des Ausstellungskomitees, hatte den jungen Landsmann empfohlen. Munch war stolz und staffierte sich entsprechend aus: „Ich habe mir eine prachtvolle Wintermütze gekauft. Sie kostet 23 Kronen. Ich habe noch nie ein so imponierendes Kleidungsstück gehabt.“ [13] Und dann der Eklat: „Ja, nun ist die Ausstellung eröffnet – und sie erweckte eine kolossale Verärgerung – hier gibt es nämlich eine Masse alter, elender Maler, die in Raserei verfallen bei der neuen Richtung – Die Presse verhält sich schrecklich – in einigen [Blättern] habe ich großes Lob erhalten – Alle jungen Mitglieder [des Vereins] sind dagegen voller Freude über meine Bilder […] ein großer Kunsthändler hier hat vorgeschlagen, meine Bilder in Köln und Düsseldorf auszustellen […] Im Übrigen lebe ich vorzüglich und bin mit vielen zusammen – Norwegern und Deutschen – “ [14] Die konservativen Vereinsmitglieder erreichten die vorzeitige Schließung der Ausstellung. „Das ist übrigens das Beste, was […] passieren kann, bessere Reklame kann ich nicht bekommen.“ [15] In einem Brief an seine Tante Karen Bjølstad vom 17. November 1892 fasste er dann zusammen: „Ich habe noch nie so unterhaltsame Tage erlebt – Unglaublich, dass etwas so Unschuldiges wie die Malerei einen solchen Wirbel erwecken kann – Du fragst, ob ich nervös sei – Ich habe 6 Pfund zugenommen und mich noch nie so wohl befunden – Grüße alle. Dein ergebener E. Munch.“ [16] Er überwand das „Fiasko“ [17] schnell und tatkräftig. Es gelang ihm, die abgewiesene Ausstellung schon am 23. Dezember im Berliner Equitable-Palast, Ecke Leipziger/Friedrichstraße, zu zeigen – mit erheblichem Erfolg: An seine Schwester Inger schrieb er: „Liebe Inger. In ein paar Tagen schließt nun meine Ausstellung, mit der ich ganz zufrieden bin […]. Insgesamt kommen 1800 M herein – durch Eintrittsgelder – […] Ich habe einen eleganten Gehrock und einen Frack kaufen müssen – der erste kostete 17 M, der Frack 20 M.“ [18] Interessant, was er zur ‚Kunst allgemein hier in Deutschland‘ zu sagen hat: Er schätzt Böcklin, Max Klinger und Hans Thoma. Ebenso: „Wagner bei den Musikern – Nietzsche bei den Philosophen.“ [19]
- Einen besonderen Platz im Leben von Edvard Munch nimmt der Lübecker Augenarzt Dr. Max Linde (1862 – 1940) ein. Der große Kunstsammler, in dessen Villa an der Ratzeburger Allee sich Spitzenwerke der europäischen Malerei befanden: Böcklin, Leibl, Manet, Degas, Whistler, Liebermann. Im Garten Rodins monumentale Skulptur „Der Denker.“ Sie lernten sich 1902 kennen, und ihre Freundschaft blieb erhalten bis zu Dr. Lindes Tod 1940 – über achtunddreißig Jahre. Der anerkannte Arzt und in der Öffentlichkeit stehende Segelsportler war von dem scheuen Maler so fasziniert, dass er noch in demselben Jahr mehrere Bilder kaufte und seine Bewunderung in einer Veröffentlichung niederschrieb: „Edvard Munch und die Kunst der Zukunft.“ Der Maler empfand ihn als: „Min ven Dr. Max Linde!“ „Mein Freund Dr. Max Linde!“ [20] Vermittelt wurde diese folgenreiche Begegnung von dem Sammler und Kunsthändler Albert Kollmann (1837 – 1915): „Es war im Jahr 1902, als [Albert] Kollmann und Dr. Linde begannen […] mich in den Himmel zu erheben.“ [21] An seine Tante Karen Bjølstad schrieb er: „Ich arbeite fleißig bei Linde. […] Ich bin nun frisch und streife voller […] Wohlbefinden durch Lindes herrlichen Park. Er wohnt wie ein Fürst.“ [22] Ein Photo hielt diese Szene fest: Munch an der Staffelei. Um ihn herum stehen Dr. Linde und Frau (geb. Holthusen), sowie ihre vier Söhne – „wohlbehütet“. Er malt sie 1903: Eines der „bedeutendsten Gruppenporträt des Zwanzigsten Jahrhunderts“ [23]. Sie nennen ihn ‚Onkel Munch‘. Zugleich hängt ein Schatten über der Idylle: Dr. Linde warnt: „Huldigen Sie nicht zu sehr dem Feuchtigkeitsbazillus“. [25] . Dann deutlicher: „Lassen Sie das viele Saufen!“ [26].
Jens Thiis, der treue Freund, wird 1934 zusammenfassen: „Im Frühling 1902 verlebte er einige glückliche Monate in Lübeck bei Dr. Linde, seinem ersten Mäcen. […] Das gemalte Gruppenbildnis der vier Lindeschen Kinder atmet Valazquezschen Geist. Ist doch Munch überhaupt ein hervorragender Kindermaler. Denn er hat den Blick für die Ursprünglichkeit des kindlichen Wesens.“ [27]
Dieser bisher unbekannte Brief zeigt eines sehr deutlich: Die Quellen, die diesen Maler und sein Werk umgeben, sind noch lange nicht ausgeschöpft. Als er 1940 ein Testament schrieb, verfügte er, sein gesamter Nachlass solle in den Besitz der Stadt Oslo übergehen:
1.000 Gemälde; 4.700 Zeichnungen; 15.000 druckgraphische Blätter; 500 Druckplatten und 159 [28] Skizzenbücher. Dazu ein unendlicher Fundus an Briefen, die er schrieb/die ihn erreichten. Wenn jetzt einer von ihnen genauer befragt und in seinem Reichtum zugänglich gemacht wurde, dann steckt dahinter der Wunsch des Autors, dass die wissenschaftlichen Anstrengungen um Edvard Munch verstärkt werden. Es gibt noch vieles zu entdecken.

Sehr geehrter H[e]rr
Hier schicke ich whelche [diese]
Noticen: Geboren: 1863 in Loiten
Norwegen.
Vater: Arzt der Bruder
mein Vater des groszten
Norwegischen Geschichtsschreibers
P. A. Munch. [1]
Familie: alte Priester
Und … geschlecht.Habe in Kristiania studiert
Stellte erst aus 19 Jahr –
Habe jedesmal Anfang
Antrag … gegeben
In Paris studierte ich
1889 – nur 2 Monaten bei Bonnat [2] …
ich fand besser als
Lehrer als Maler
Nachher arbeitete ich allein
1893 grosze Ausstellung
In Berliner KunstvereinIn Berlin !
Diese Ausstellung gab Veranlassung eine grozsStreit [3] _
Die Künstlerschaft spaltete
Si[ch] habe sich gespaltet –
und 104 Kunstlern haben
Freie Vereinigung gebildet
Meine Gemälde wurde Durch Majoritet ausgewiesen)
Ich habe mit einige
andere Malern …
… die erste freie Ausstellung arangiert – –
In Kristiania National- Gallerie befinden sich
8 Gemälde von mir.Das ganz. Bild …
Selbstporträt, …
Hans Jäger und andere
In Dr. Max Linde [4] Lubeck Privatgalleri
Befinden sich mehrere
grosze Porträts !…
Ich hoffe diese Noticen genugt –
Bitte es in gutes Deutsch zu übertragen.
Hochachtungsvoll Edvard Munch
© Prof. Dr. Dr. Gerd Presler (Mr. Sketchbook) am 15. Juni 2025

[2] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.255, Nr.350
[3] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.47
[4] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.67, Nr.54
[5] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.82, Nr.73
[6] Jens Thiis, Edvard Munch, Berlin 1934, S.20
[7] Jens Thiis, Edvard Munch, Berlin 1934, S.21
[8] siehe: Gerd Presler, Edvard Munch, Der Schrei – Ende eines Irrtums, Ettlingen 2015, S.34 ff.
[9] MM T 2770, S.11
[10] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.73, Nr.64
[11] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.74, Nr.65
[12] Edvard Munch, Gemälde, Zeichnungen und Studien, Stuttgart 1986, S.91
[13] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.120, Nr.125
[14] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.120, Nr.126
[15] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.122, Nr.128
[16] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.123, Nr.129
[17] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.123, Nr.130
[18] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, S.124, Nr.133
[19] Munch in Deutschland, München/Hamburg/Berlin1994/95, S.63f.
[20] MM N 54
[21] Brief Munchs an Jens Thiis, MM N 2153
[22] Edvard Munchs Brev Familien, Oslo 1949, 8. September 1903, S.176, Nr.213
[23] Dr. Carl Heise: Edvard Munch, Gemälde, Zeichnungen und Studien, Stuttgart 1986, S.193
[24] MM K 2578; 8. Januar 1903
[25] MM K 2756; 19. Dezember 1902
[26] MM K 2757, 27. Dezember 1902
[27] Jens Thiis, Edvard Munch, Berlin 1934, S.55
[28] Gerd Presler, EDVARD MUNCH, Werkverzeichnis der Skizzenbücher, „Einsam, wie ich immer war.“ (german, norwegian, english), Karlsruhe/Oslo 2003