Brücke und Ufer

Es war vor allem ‚Widerstand‘, der vier Dresdner Architekturstudenten antrieb und in dem Vorhaben zusammenschweißte, sich „Arm- und Lebensfreiheit [zu] verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften.“ Sie wollten „unmittelbar und unverfälscht“ wiedergeben, „was zum Schaffen drängt.“ Und das Zeichen, unter dem sie zum Aufbruch riefen, hieß: ‚BRÜCKE‘. „Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke ist.“ So zitierten sie Friedrich Nietzsche.

Wohin führte diese Brücke? So viel stand ihnen vor Augen: An ein unbekanntes Ufer! In ein unbetretenes Land, das Zukunft hieß. Am 7. Juni 1905 war dann der entscheidende Tag gekommen. Fritz Bleyl (25 Jahre alt), Erich Heckel (22), Ernst Ludwig Kirchner (25) und Karl Schmidt- Rottluff (20) schlossen sich zu einer Künstlervereinigung zusammen – was immer das auch sein mag. Ernst Ludwig Kirchner schnitt 1905 ein „Signet“ ins harte Holz: Sie waren aufgebrochen – und eine Frauengestalt ging ihnen voran, eine Muse. Mit erhobenen Armen stand sie bereits auf der höchsten Stelle einer Brücke, wies hinüber, begrüßte die Ferne einer unendlichen, offenen, unbekannten Zukunft. Ab nun traf man sich zu gemeinsamer Arbeit in Kirchners Atelier. Fritz Bleyl hielt fest: „Der Wunsch, nach dem lebenden Modell zu zeichnen, wurde verwirklicht […], nicht in herkömmlicher Weise, sondern als Viertelstundenakt.“ Im Mittelpunkt: ‚Isabella‘, ein bezauberndes fünfzehnjähriges Mädchen, „fast noch ein Kind, keine durch Korsettmodetorheit verunstaltetes Persönchen“. Es entstanden Zeichnungen – „hingelegt, ja hingehauen“ – jenseits der einstudierten Posen und gefrorenen Gesten in den Sälen der Akademie. Es ging den Freunden nicht um „Abzeichnen‘, exakt, genau, perfekt; um Wiedergabe; um „mimetische Reduplikation“. Ganz anders: Sie wollten die freie, von keinen Vorgaben eingefärbte Gestaltung aus der Intensität der Begegnung in diesem einen Augenblick. Keine ‚Verdopplung‘ dessen, was „vor Augen“ lag, Vielmehr eine eigene Welt mit neuen Zeichen und Formen, Linien und Flächen. die im Inneren der Künstler entstanden. Eine tief in ‚Schaffenden‘ verdichtete schöpferische Energie, die losbrach in der – so Kirchner – „Ekstase des ersten Sehens“. Jeder Strich eine neue Schöpfung, etwas, das es nie zuvor gegeben hatte.

„KG Brücke“: Ein bleibendes Ereignis

Fritz Bleyl schied schon bald aus. 1906 kam Max Pechstein neu hinzu. Ebenso Emil Nolde, der sich jedoch, nahezu eine Generation älter, schon im Oktober 1907 wieder in seine ferne Festung Seebüll zurückzog. Eine Anregung aber hinterließ er und setzte damit ein unvergessliches Zeichen: Die „BRÜCKE“ versammelte um sich einen Kreis von „Passiv-Mitgliedern“. Sie zahlten einen Jahresbetrag von zunächst 12. – , dann 25.- Mark und erhielten dafür eine „Jahresmappe“ mit 3 – 4 druckgraphischen Arbeiten. Heute absolute Raritäten! Man warb um weitere Mitglieder: Edvard Munch, Henri Matisse, Wassily Kandinsky, Giovanni Giacometti. Sie sagten ab. Hinzu aber kamen der Niederländer Lambertus Zijl, der Finne Akseli Gallén-Kallela. 1911 beteiligte sich Bohumil Kubiŝta aus Prag: Die „Brücke“ – ein internationaler Zusammenschluss fortschrittlicher Kräfte. Die Zahl der „PM“ wuchs ständig: 1907 betrug sie 22 Mitglieder, 1909 dann neunundvierzig, 1910 schließlich achtundsechzig. Allein gut 20 „PM“ wohnten in Hamburg, darunter Rosa Schapire, Gustav Schiefler und Wilhelm Niemeyer. Kirchner, Heckel, Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, ab 1910 auch Otto Mueller, standen mit ihnen in Kontakt, waren gern gesehene Gäste – verkauften Gemälde, Zeichnungen, druckgraphische Blätter. Manche Hamburger Familie lebte über Generationen hinweg mit diesen Kostbarkeiten „an der Wand“.

Das Ende der „KG BRÜCKE“ –

Für 1913 planten die aktiven Mitglieder eine „Chronik KG Brücke“, ein dreiseitiger Text, den Kirchner verfassen sollte. Dazu je zwei Holzschnitte von Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff. Dieses Dokument, dieser Rückblick sollte besondere Ereignisse und prägende Stationen aus den Jahren der Gemeinsamkeit festhalten. Doch es stand schlecht um das, was sie zusammengeführt und verbunden hatte: Max Pechstein ging schon länger eigene Wege, wurde Gründungsmitglied der „Neuen Secession“ in Berlin und nahm an deren Ausstellungen teil – allein, obwohl „Brücke“ sich geschworen hatte, immer gemeinsam aufzutreten. Und: Als Kirchner dann den Text seiner „Chronik“ vorlegte: Entsetzen. Ein höchst ichbezogener – Kirchner nennt sich 15mal – Bericht. Erich Heckel schrieb später nüchtern und ernüchtert: „Chronik […] entsprach weder Schmidt-Rottluffs noch Otto Muellers und meiner Sicht der Tatsachen, so dass wir beschlossen, die Chronik nicht herauszugeben.“ Daraufhin legte Kirchner seine Mitgliedschaft nieder. Die verbliebenen drei Maler teilten am 27. Mai 1913 den „PM“ im Namen der „Brücke“ mit, „dass die Unterzeichneten beschlössen, Künstlergruppe „Brücke“ als Organisation aufzulösen.“ Erich Heckel nahm 1958 im Abstand vieler Jahre in einem Interview mit Roman Norbert Ketterer hierzu Stellung: „Es war wirklich nicht so, dass wir mit einem furchtbaren Krach auseinandergegangen wären. Man hatte das Gefühl, dass die Form unseres Zusammenschlusses ihr Ende gefunden hatte, wobei aber die menschlichen Beziehungen durchaus aufrecht erhalten wurden.“ Typisch Heckel: Auf Ausgleich bedacht! Kirchner hingegen hat die Auflösung der Brücke ein Leben lang mit bitteren Vorwürfen verbunden – an und gegen seine Künstlerkollegen und Mitstreiter.

– und auf neuem Wege zum neuen „Ufer“

Unvermutet, unerwartet: Was 1913 geradezu krachend endete, ging weiter! Lange wusste man davon nichts: Keine Quellen, Texte, keine mündlichen oder schriftlichen Belege. Es schien ausgemacht: Eine „Brücke“ nach der „Brücke“ gibt es nicht. Dann aber tauchte ein Dokument auf, mit dem sich alles änderte: Ein zweiseitiges, maschinengeschriebenes Schriftstück mit dem Titel: – Das Ufer – Programm einer Künstlergruppe.

Seine Entdeckung kam einer Sensation gleich, ermöglichte es doch einen Blick die die Zeit „danach“. Worum ging es? Eindeutig: Um die Weiterführung der „KG Brücke“ unter dem Namen „KG Ufer“: „Wir wollen auf das weiterbauen, was uns die „Brücke“ überlassen hat.“ Wer stand hinter dieser Fortführung, dieser Neugründung? Hamburger Passiv – Mitglieder der „Brücke“, die anknüpfen wollten an dem, was ihr Leben der Jahre 1905 bis 1913 erfüllt hatte. Sie sahen sich weiterhin als „PM“, kauften Werke vor allem von Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel. „KG Ufer“ war für sie kein Neuanfang, vielmehr eine selbstverständliche Fortführung dessen, was sie kannten und was zu ihrem Leben gehörte. Und sie blieben nicht untätig: Ihre herausragenden Mitglieder, Rosa Schapire und Wilhelm Niemeyer, riefen die „Kündung“ – eine Zeitschrift für Kunst“ ins Leben, voller Texte und Abbildungen der „KG Brücke“, nun „KG Ufer“. Ein weiterer Hohepunkt war dann 1922 eine Ausstellung in Oldenburg. Dr. Niemeyer sprach bei der Eröffnung von neuen Wegen zu neuen Ufern.

Ein langer Weg

„Brücke“ und „Ufer“ durchschritten unruhige, sehr unruhige Zeiten. Gemeinsam aber war ihnen die Herkunft aus der Mitte des Protests, der Widerstands, der sie zunächst zwischen 1905 und 1913 zusammenbrachte. Hamburger Passiv-Mitglieder, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff erneuerten 1920 solche Haltung und bekannten sich zu „Form und Farbe“. Vereint blieben sie durch alle Zeiten als Stifter einer Malerei, einer Zeichenkunst, einer Graphik, die Kunstgeschichte schrieb und immer erneut darauf hinweist, dass der Weg noch lange nicht zu Ende ist, und die Aufgabe der Kunst weiter darin besteht, „Brücken“ zu bauen, die an das andere „Ufer“ hinüberführen.